Eindrücke und Gedanken zu Benedikt Bechs Buch „Surfen auf Seelenwellen“

von Rainer Pervöltz, November 2018

Die Lektüre von psychologischen „Fallbeispielen“, der Beschreibung also von meist aufwühlenden therapeutischen Entwicklungsprozessen, finde ich gewöhnlich nicht übermäßig fesselnd. Das hat vielleicht damit zu tun, dass die Tal- und Bergfahrten eines Menschen dort in der Regel durch die Augen von jemandem gesehen werden, der etwas „von der Sache versteht“ – einem Sachverständigen also, der dann das Geschehen mit einer Diagnose versieht und, seinem Sachverstand folgend, in einen (durch ihn) erfolgreichen Prozess verwandelt. Was nicht ausschließt, dass er oder sie mit vehementen Schwierigkeiten fertig zu werden hat. Im Gegenteil steigern Hindernisse die Zahl der Einordnungsmöglichkeiten und dienen so der Bereicherung des Sachverstandes bei allen intellektuell Beteiligten.

Ein gänzlich anderer Eindruck entsteht in mir beim Lesen von Benedikt Bechs Buch „Surfen auf Seelenwellen“ (opus magnum Verlag, 2018). Da entfaltet sich auf eine recht ungewöhnliche und – ich kann hier schon sagen – geheimnisvolle Weise die Heilungs- und Befreiungsgeschichte des Autors. Und sie entfaltet sich aus der Perspektive einer intelligenten und zugleich rätselhaften inneren Instanz, die sich zwar durch Abgründe und über Barrieren hinweg ihren Weg sucht, ihn aber letztlich auch mit meisterhafter Sicherheit und ohne überflüssige Tragik findet. Diese innere Instanz wird uns präsentiert in der Form von sogenannten „Archetypen“, die jedoch mit den klassischen Archetypen nicht allzu viel gemein haben. Vielmehr geben sie sich zu erkennen als ein Hund namens Laika, ein runzeliges, aber wandlungsfähiges Weiblein, das sich Pudra nennt, ein Wrestler mit Namen Arkan und schließlich – als der Prinzipal, der mit großer Unbeirrbarkeit die ausschlaggebende Verantwortung für die oft schmerzliche Reise trägt – der alte Mönch ohne Namen.

Erzählt wird also Benedikts Geschichte. Der ist zunächst ein Mann, den alle lieben und sympathisch finden. Dann aber, vielleicht aufgrund zunehmender körperlicher Symptome, merkt dieser charmante Mann, dass hinter seiner ansprechenden Fassade eine große Leere lauert. Und hinter der großen Leere ein Meer von Leid und die schier unendlichen Schmerzen eines extrem zurückgestoßenen Kindes. Die Fassade ist etwas, so scheint es, das er als Kind gelernt hat, um als irgendwie Beachteter überleben zu können. Überleben muss er vor allem mit seiner bis zur Grausamkeit depressiven Mutter, die sich selbst zu einem ziemlich frühen Zeitpunkt das Leben nimmt.

Offenbar ist es der Arche-Clan, der auch schon in Benedikts Kindheit diese fantastische Wandlung bewirkt: vom einsamen Kind, das sich verstoßen fühlt, hin zum Prince Charming, der alle bezaubern kann. Und während man solches Herrichten der Fassade mit psychologischen Fachbegriffen vergleichsweise langweilig erklären könnte, wird hier im Buch von Beginn an deutlich, welch (trotz allem) brillanter Wandlungsprozess in dem Jungen stattgefunden hat, mit wie viel Liebe und genialem Einfallsreichtum der Arche-Clan daran gearbeitet hat, das kindliche Überleben zu sichern.

Die Hündin Laika ist gewissermaßen vom Clan mit der Reportage beauftragt: Mit Anteilnahme, aber ohne allzu viel Melodrama erzählt sie den ganzen Roman von Benedikts Lebensgeschichte. Laika ist nicht die Erleuchtetste in der Clique, aber ohne Frage diejenige, die den direktesten Draht zu Benedikt hat. Deshalb kann sie ihm Stütze sein und Begleiterin auf dem langen Weg durch die dunkle Nacht der Seele.

Die rätselhafteste Figur aber bleibt der alte Mönch ohne Namen. Zwar sieht es nie so aus, als könne er die Erlösung garantieren. In der Praxis des täglichen Vorgehens jedoch hat er die unfehlbare Kompetenz zu erkennen, ob und wann ein nächster Schritt ansteht. Er sagt nie voraus, wie die Sache verläuft, weiß aber stets, in welche Richtung sie gehen und dass sie früher oder später heilsam sein wird.

Im Buch werden uns der alte Mönch ohne Namen und seine Helfer in Form von Bildern vermittelt. Diese Bilder sind zum einen konkret gemalte Porträts. Darüber hinaus sind sie bildlich beschriebene Gestaltaspekte jener geheimnisvollen Instanz in Benedikt, die den großen Überblick hat und letztlich alle Geschehnisse steuert. Durch die bildliche Darstellung ist gewährleistet, dass diese Instanz nichts vom Geheimnis ihres Vorhandenseins und ihrer Wirkkraft einbüßt. Insofern kann man das von Anfang an spannende Buch vielleicht als die Geschichte vom alten Mönch ohne Namen und seinen Angestellten lesen und bei der Lektüre sowohl Mitgefühl als auch Freude entwickeln. Man kann aber darüber hinaus einen ganz anderen Schritt wagen (und man wird durch die Lektüre fast unweigerlich dazu eingeladen): Man kann die Frage stellen, welche unfassbare Instanz (in Benedikt) der Mönch und seine Begleiter denn tatsächlich „verkörpern“, welche Art von Bewusstsein hier die stets angemessene, einer behutsamen Chronologie folgende Rettungsarbeit übernimmt.

Die notwendigerweise „unsachliche“ Antwort auf eine solche Frage ist in der traditionellen Psychotherapie immer noch eine heikle Angelegenheit. Deshalb läuft man leicht Gefahr, bei wieder relativ langweiligen (weil inzwischen dem erklärbaren Konsensus zugeordneten) Begriffen zu landen – wie dem „kollektiven Unbewussten“ oder den vielzitierten „Selbstheilungskräften im Menschen“. Natürlich stehen beide Begriffe in ihrem ursprünglichen Wortgebrauch für heilige, Ehrfurcht auslösende Kräfte, aber man hat sich so oft auf sie berufen, dass der respektvolle Schock bei ihrer sprachlichen Verwendung meist ausbleibt.

Falls man allerdings bereit ist, sich der beklemmenden Tatsache zu stellen, dass der „Sachverstand“ die Existenz des alten Mönches ohne Namen nie und in keiner Weise ausreichend erklären kann, dann versteht man, dass die kreative Intelligenz des alten Mönches nicht verstanden werden kann.
Er hat die Übersicht.
Er hat die notwendige Liebe, die nicht ungeduldig werden lässt.
Er ist der über alle Maßen erfinderische Drehbuchautor, und er weiß, wie und wann Benedikt bereit ist, dem Drehbuch zu folgen.
Er hat alle Fäden in der Hand.
Er ist Benedikt – auch dann, wenn Benedikt nichts von ihm weiß.

Übrigens hat auch der „Sachverstand“ seinen Platz im Buch, und zwar über die Person von Jens Tasche, einem Berliner Körperpsychotherapeuten, der Benedikt über viele Jahre mit seinem Verständnis, aber auch mit seiner, wie es scheint, liebevoll einfühlsamen Präsenz begleitet hat. Seine im Buch regelmäßig auftauchenden Kommentare („Was würde Jens wohl sagen?“) sind vom Autor nachempfundene beziehungsweise „nach-gedachte“ psychologische Prozessbeschreibungen. Sie sind auf jeden Fall Versuche der Einordnung, wie Jens sie vielleicht hätte vermitteln können und fraglos mitunter vermittelt hat. Dieser Ausflug ins Begreifen, Erfassen und Einordnen entspringt definitiv der Absicht und den (bewusst als diese herausgestellten) Vorstellungen des Autors. Die Jens-Passagen wechseln sich ab mit Laikas Reportage und Benedikts Tagebuchaufzeichnungen aus der jeweils entsprechenden Zeit. Uns, als dem Leser oder der Leserin, wird durch solch variierende Darstellung die Lektüre angenehm erleichtert: Wir können den Verlauf der Geschichte von mehreren Standpunkten her betrachten und sind nicht gezwungen, über lange Passagen hinweg immer nur einer Sichtweise zu folgen. Auf den letzten Buchseiten schaltet sich sogar das Autoren-Ich noch persönlich ein, um einige Dinge zurechtzurücken und manches in Bezug auf den Verlauf der Entwicklung zu erklären – aus seiner Perspektive.

Da die meisten von uns unserem Sachverstand mehr Vertrauen schenken als der rätselhaften Ordnung des Lebensflusses (der man sich überlassen kann oder nicht), sind dies sozusagen Zugeständnisse an eine Weltauffassung, die sich dann vielleicht immer wieder mit einem gewissen Aufatmen in ihrer selbstgebastelten Räson bestätigt fühlen kann. Und falls sie damit nicht völlig auf die alles erklärende Seite wechselt, ist das auch durchaus in Ordnung. Sie nimmt dem Geschehen so lange nichts von seinem Geheimnis, wie sie sich nicht aus ihrer fragwürdigen Erleichterung heraus bemüht, das Geheimnis auf diese Weise zu ignorieren oder weg zu argumentieren. Aber das ist dann nicht das Problem des Autors.

Da ist also dem Gesamtproduzenten (wer immer das ist, in dem ganzen Ensemble) etwas Wunderbares gelungen: nämlich einen transpersonalen Entwicklungsprozess nicht nur so darzustellen, dass man nach einer Weile nicht mehr aufhören möchte zu lesen, sondern auch dem „Numinosen“, wie C.G. Jung es genannt hat – jenem Unbenennbaren, das weit über das persönliche Begreifen und Können hinausgeht –, angemessenen Raum und mitreißenden Ausdruck zu geben.

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