Bewegung unter Beobachtung

Rezension des Buches »Surfen auf Seelenwellen – Die
Geschichte einer Selbsteroberung« von Benedikt Bech

Ein alter Mönch ohne Namen, Arkan der Krieger, Pudra die Hexe? Leben auf einer vom Körper komplett abgetrennten Bewusstseinsinsel? Archetypische Figuren als innere Puffer beziehungsweise als Retter aus tiefster Not für unseren Götterspeise-Geist? Was in Benedikt Bechs Buch »Surfen auf Seelenwellen« auf der einen Seite einladend-spielerisch daherkommt, besticht auf der anderen Seite durch einen ebenso tiefen wie klaren Blick in den menschlichen Geist.

Konkret hat das Buch Benedikts Lebensgeschichte zum Inhalt – wenn auch aus einer sehr ungewöhnlichen Perspektive erzählt. Dabei veranschaulicht Benedikts Schicksal ganz intuitiv das ursprünglich dem Jnana-Yoga entstammende Konzept, wonach sich der Mensch aus verschiedenen ›Hüllen‹ beziehungsweise Ebenen zusammensetzt: Da werden Erschütterungen auf der eher unbewussten geistig-emotionalen Ebene beschrieben (nicht zuletzt die frühkindliche Existenzkrise des kleinen Benedikt), Bewegungen auf der geistig-intellektuellen Ebene nachgezeichnet (zum Teil vollkommen verzerrte Selbstbilder) und deren Auswirkungen auf die energetische beziehungsweise physische Ebene verdeutlicht: chronische muskuläre Verspannungen, exzessives Nägelkauen (»den Körper aufbeißen, damit die Spannung abfließen kann«) und schmerzhafte Gelenkdegenerationen schon im jungen Erwachsenenalter.

Aufgrund der beschriebenen Symptomlage ist die von Benedikt im realen Leben gewählte Unterstützung in Form von Körper(psycho)therapie recht naheliegend. In Benedikts Fall erweist sich diese Therapieform dann auch als wertvolle Basis für dessen Heilungs- beziehungsweise Ganzwerdungsprozess. Entsprechend lebendig und mitreißend sind die zugehörigen körpertherapeutischen Entwicklungen beschrieben. Das Buch besticht aber darüber hinaus durch eine sehr klare und wundervoll detaillierte Beschreibung menschlicher Zustände im Allgemeinen: archetypische (in Form bildhafter Figuren, die sich in Benedikts Psyche zeigen), körperliche und energetische (einengende Blockaden und deren Aufbrechen, Energie-Erweckungen, ...) sowie emotional-intellektuell-geistige (Angst und Hass, Profilierungsstreben und Bestätigungswahn, panisches Lampenfieber oder Selbstzerstörungsimpulse – um nur einige zu nennen). Die Tiefe und Klarheit dieser Beschreibung ist ein Produkt meditativer Einsicht – in diesem konkreten Fall durch Vipassana-Meditation. Vipassana-Meditation ist eine sehr alte Kunst der klaren Erkenntnis durch stilles Beobachten eigener innerer Bewegungen: Empfindungen, Haltungen, Bilder, Interpretationen und so weiter. Dabei geht es darum, sich bewusst(er) zu werden, was unmittelbar gegenwärtig geschieht – in Kontrast zu all dem, was der menschliche Geist permanent produziert, faktisch aber gar nicht zwangsläufig existent ist: Pläne schmieden, Shopping-Listen ausdenken, andere Menschen beurteilen, Minderwertigkeitsgefühlen oder Ängsten nachhängen. All diese Prozesse haben – mit gewissen Nuancen – für jeden Menschen Gültigkeit, denn ›unser‹ Geist – also der menschliche Geist an sich – hat kulturübergreifend und seit vielen Jahrtausenden gültige Attribute, die uns miteinander verbinden (auch wenn wir oft irrtümlicherweise glauben, dass sie uns voneinander trennen).

Benedikt hat diese meditativen Räume genutzt, um sich hingebungsvoll mit seiner eigenen, tief traumatischen Lebensgeschichte auseinanderzusetzen. Doch neben der Hingabe an seine Meditationspraxis – beziehungsweise an das, was dabei aus den Tiefen seines Geistes ins Bewusstsein gespült wird – zeugt Benedikts Erfahrungsbericht von einer weiteren Form der Hingabe, ohne die Psychotherapie ihre Tiefenwirkung nicht entfalten kann – die Hingabe nämlich an einen anderen Menschen (in einem sicheren und vertrauenswürdigen Kontext). In Benedikts Fall handelt es sich dabei um den Körperpsychotherapeuten Jens. Er ist Benedikts wichtigste reale Begleitung auf dessen Weg der Selbsteroberung. Dieses Zulassen einer tiefen, prägenden Verbindung ermöglicht letztlich die im Buch verwendete »Was würde Jens wohl sagen«-Perspektive – eine tiefenpsychologisch orientierte Erzählebene, die gut nachvollziehbare und lebendig-bildhafte Rückschlüsse auf die in Benedikt ablaufenden psychodynamischen Vorgänge ermöglicht.

Benedikts totale Hingabe an den Prozess der Selbstwerdung ermöglicht aber auch die sehr plastische und inspirierende Darstellung archetypischer Bilder in Form der eingangs erwähnten Figuren. Beim Lesen wurde da bereits nach wenigen Seiten ein inneres Feuerwerk bei mir ausgelöst. Verschiedene eigene Figuren, die mir bei meinem Überleben auf dieser Welt unterstützend zur Seite stehen, sind sehr lebendig (wieder) aufgetaucht. Da war ich natürlich sofort voll drin, und genau das macht das Buch so lesenswert: komplettes Eintauchen in Benedikts Prozess der Bewegung unter Beobachtung. Der Leser und die Leserin dürfen neugierig sein. Danke an Benedikt für den Mut, dieses Buch zu veröffentlichen!

Stephan Maey
Heilpraktiker (Psychotherapie), Yogalehrer und -ausbilder, Pädagoge (M.A.)

Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.