Es ist die Beziehung, die heilt

Rezension von Dorothee Wienand-Kranz Zum Buch »Surfen auf Seelenwellen – Die Geschichte einer Selbsteroberung« 

Gleich vorweg: Selten hat mich ein Buch so gefesselt wie Benedikt Bechs »Surfen auf Seelenwellen«, einem sensiblen und mitreißenden Erfahrungsbericht, der Benedikts fast ein Jahrzehnt dauernden therapeutischen Reifungsprozess mit allen dazugehörigen Höhen und Tiefen zum Inhalt hat.

Schon die liebevolle Covergestaltung wirkt einladend und bereitet den/die Leser/in trefflich auf den kreativen Buchinhalt vor. In einem erfrischend ehrlichen Vorwort beschreibt der Körperpsychotherapeut Jens Tasche, wie er die ›Reifungsreise‹ seines langjährigen Klienten Benedikt Bech erlebt hat und wie dessen Erfahrungen ihn herausforderten, seine therapeutische Komfortzone zu verlassen und gemeinsam mit Benedikt seelisches ›Neuland‹ zu erschließen – das Feld der Jung‘schen Archetypen.

Den dann folgenden Text finde ich in dreifacher Hinsicht bemerkenswert. Zuerst einmal wegen seiner Erzählform: Nicht Benedikt selbst erzählt seine Lebensgeschichte, sondern eine archetypische Figur, die sozusagen in Benedikts Geist ›lebt‹ und das Geschehen seit Benedikts Geburt hautnah miterlebt hat – eine Schneehündin mit Namen Laika. Benedikt selbst lernt Laika erst als erwachsener Mensch im Rahmen seiner Meditationspraxis kennen; in der Folge wird sie für ihn eine wertvolle innere Reisebegleiterin. Laikas Sprache ist angenehm leicht und humorvoll – dennoch gelingt es ihr, die Benedikts Schicksal innewohnende Schwere begreiflich zu machen. Dadurch fühlte ich mich an keiner Stelle des Buches in Benedikts durchaus heftige Lebensgeschichte ›reingezogen‹. In seinen Meditationen stößt Benedikt auf immer neue archetypische Figuren in seinem Inneren – etwa einen alten Mönch ohne Namen, die Hexe Pudra oder den Krieger Arkan. Aus Laikas Perspektive waren diese Figuren ebenfalls schon seit Benedikts Geburt aktiv – entsprechend nehmen sie in ihrer Erzählung von Beginn an tragende Rollen ein. Diese Idee, dass in jedem von uns solche individuell archetypischen Figuren existieren, die in gewisser Weise unser Leben steuern – ob wir ihrer nun bewusst sind oder nicht –, kann etwas zutiefst Tröstliches haben.

Außergewöhnlich finde ich auch die beiden anderen Erzählebenen, die elegant in Laikas Erzählung eingeflochten sind und sich sowohl von der Aufmachung als auch sprachlich deutlich von dieser abheben. Die eine Ebene hat tagebuchähnliche Texte mit Benedikts eigenem Erleben zum Inhalt – beispielsweise beim Meditieren auftauchende innere Bilder, Träume oder Erlebnisse während Therapiestunden. Die andere Erzählebene ist indirekt Benedikts Therapeuten Jens Tasche vorbehalten – besser gesagt dem ›guten inneren Objekt‹, das in Benedikt nach Jahren der therapeutischen Zusammenarbeit mit Jens herangereift ist. Diese innere Jens-Stimme ordnet Benedikts Erlebnisse tiefenpsychologisch ein und gibt Laikas Erzählung die nötige Bodenhaftung. Möglicherweise sind es auch diese abwechselnden Erzählebenen, die dafür sorgen, dass sich die Lektüre von Benedikts Lebensgeschichte erstaunlich ›bekömmlich‹ anfühlt.

Nicht zuletzt sind auch die äußeren Parameter von Benedikts therapeutischer Arbeit besonders: Im Unterschied zu üblichen Therapieverläufen mit einer Sitzung pro Woche – bei Psychoanalytikern 3 bis 4 Sitzungen pro Woche – folgt Benedikts Therapie einem sehr individuellen Zeitplan. Einen wesentlichen Teil der introspektiven Aufdeckungsarbeit, die zu jedem tieferen therapeutischen Prozess dazugehört, übernimmt Benedikt in Eigenregie – in Form seiner intensiven Meditationspraxis. Dabei ist es sehr wohltuend zu lesen, mit welcher Flexibilität der Therapeut Jens seinen Klienten in dessen eigenem Prozess begleitet: Je nachdem, welche Themen in welcher Dringlichkeit auftauchen, reicht das Spektrum seines therapeutischen Begleitangebots von regelmäßigen Einzelsitzungen bis hin zu sporadischem Telefonkontakt über tausende Kilometer hinweg. Auch Jens‘ Bereitschaft, sich umfassend auf Benedikts spirituelle Erfahrungen und Erkenntnisse einzulassen, obwohl er für sich selbst nur wenig Interesse an diesen Themen hat, ist Ausdruck dieser (inneren) Flexibilität. Insgesamt erlebe ich die Form therapeutischer Begleitung, die die Therapeutenfigur Jens im Buch anbietet, als gelungenen Ausdruck der einst von Carl Rogers formulierten These, wonach uns Menschen eine Aktualisierungstendenz innewohnt, die eine immense Kraft entfaltet, wenn sowohl Therapeut als auch Klient den Mut haben, einander zu begegnen und auf das letztliche Gelingen innerseelischer Wandlungsprozesse zu vertrauen. Es ist die Beziehung, die heilt – nicht irgendeine therapeutische Schule.

Das Buch gibt auf eine ganz sensible Art Einblicke in tiefe Selbstheilungs- und Erkenntnisprozesse, die nicht nur für Fachleute von Interesse sind. Auch für Menschen, die sich nicht mit Jung‘scher Psychologie auskennen, wird – so denke ich – unmittelbar spürbar, welche Rolle diese individuellen, kreierten Archetypen in Benedikts Seele spielen und welche Wirkung sie in jedem von uns entfalten können. Vor allem macht das Buch hilfesuchenden Menschen Mut: Heilung ist trotz großer Schmerzen, trotz unüberwindlich erscheinender Hürden und trotz zahlreicher ›Rückfälle‹ möglich – wenn man sich auf den therapeutischen Reifungsprozess einlässt und diesen mit der nötigen Beharrlichkeit verfolgt.

Dr. Dorothee Wienand-Kranz, Psychologische Psychotherapeutin

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