Forum Bioenergetische Analyse 2019, Seite 94-96 (doi.org/10.30820/9783837982534-94)

Buchbesprechung »Surfen auf Seelenwellen«

von Steve Hofmann (Bioenergetischer Analytiker, Berlin)

Surfen auf Seelenwellen beschreibt, wie es Benedikt Bech mithilfe seines Therapeuten, des Bioenergetikers Jens Tasche, im Laufe einer mehr als zehn Jahre anhaltenden Selbstkonfrontation gelingt, sich selbst immer mehr in Besitz zu nehmen und sich schrittweise von seinen Charaktermustern zu lösen. Diese »Geschichte einer Selbsteroberung« vermittelt einen anschaulichen Eindruck davon, wie das Unbewusste strukturiert ist, wie therapeutisches Nachreifen funktioniert und wie Störungen der frühen Ehern-Kind-Beziehung zum teilweisen bis vollständigen Verlust des noch unreifen Selbst des Kindes führen: Der kleine Benedikt macht nach seiner Geburt nicht die Erfahrung, dass er gewollt ist und in seiner Existenz bejaht wird. Seine Mutter ist schwer psychisch krank, weshalb sie sich nicht ausreichend gut um ihn kümmern kann. Tatsächlich ist sie von ihrer Rolle stark überfordert. Infolge ihrer depressiven Erkrankung verliert sie – im Buch und in der Realität – kurz nach der Geburt von Benedikt einmal so sehr die Kontrolle über sich, dass sie nur mit Mühe von ihrem Ehemann davon abgehalten werden kann, den gemeinsamen Sohn zu töten. Überfordert von dieser massiven Bedrohung, spaltet Benedikt Geist und Körper ab, um mit der Angst frühen schizoiden Terrors und Verlassenseins fertig zu werden. Die bedrohlichen Affekte friert er mithilfe massiver muskulärer Spannungen im Körper ein. Hier befinden wir uns als Bioenergetiker auf bekanntem Terrain, schließlich ist es eine der Grundannahmen unserer Arbeit, dass Körper, Geist und Seele eine funktionale Einheit bilden (Lowen, 1990). Für Lowen werden Blockierungen der Energie durch frustrierend einschränkende Erfahrungen oder auch traumatische Erlebnisse in der Kindheit verursacht. Diese Erfahrungen führen zu einer Unterdrückung der daran beteiligten Affekte, die sich muskulär als chronische Verspannungen zeigen.

Ein originelles erzählerisches Stilmittel des Buches ist es, dass Surfen auf Seelenwellen keine klassische autobiografische Erzählung darstellt, in der Erzähler und Hauptfigur identisch sind. Ein Großteil der Handlung wird aus der Perspektive einer Reihe von jungianischer Archetypen und eines Introjekts namens Jens – Benedikt verinnerlicht im Laufe seiner Behandlung die Person seines Analytikers, die ihm fortan beisteht – erzählt. Hierbei ist insbesondere die Figur der Hündin Laika hervorzuheben. Tatsächlich, so Jens Tasche in seinem Begleitwort, seien diese psychischen Entitäten im Verlaufe seiner therapeutischen Arbeit mit Bech irgendwann aufgetaucht und begleiten seither den Therapieprozess. C. G.Jung verstand unter Archetypen »eine Erbanlage der menschlichen Psyche«, die sich »praktisch und überall und zu allen Zeiten antreffen« (Jung, 1992, S. 52) lassen. »Diese uralte Psyche bildet das Fundament unseres Geistes, so wie auch unsere körperliche Struktur auf der allgemeinen Säugetieranatomie basiert« (ebd., S. 51).

Laika beschreibt, wie Benedikt sich – dank des heroischen Einsatzes seiner archetypalen Helfer zwar einerseits völlig von seinem seelischen Erleben abgeschnitten, somit aber zugleich auch vor den Grauen erregenden Affekten in seinem Inneren geschützt – zunächst auf allerlei Irrwege begibt. Doch nach und nach bekommen sein falsches Selbst und die begleitende Abwehrstruktur immer mehr Risse. Dies ist eine Erfahrung, die ich in der therapeutischen Praxis immer wieder mache, dass manche Klienten bis an den Rand der Selbstzerstörung alles nur Erdenkliche tun, um sich nicht mit der Realität ihres inneren Leids konfrontieren zu müssen. Der Körper muss die seelische Not solange stellvertretend ertragen, bis der oder die Betreffende bereit ist, ihren Blick nach Innen zu wenden, die abgewehrten Affekte zu fühlen und sich der Wahrheit der persönlichen Geschichte zu stellen.

Die Heftigkeit der abzuwehrenden Affekte führt bei Benedikt Bech dazu, dass er fortwährend unter massiver innerer Anspannung steht, was er nur durch Leistungssport und das Streben nach Anerkennung notdürftig kompensieren kann. Den Preis hierfür bezahlt immer wieder sein Körper: So erleidet Benedikt bereits mit 18 Jahren seinen ersten Bandscheibenvorfall, entwickelt nach dem Vordiplom Panikattacken und kann aufgrund einer Entzündung der Füße schließlich vor Schmerzen kaum noch gehen. Glücklicherweise beginnt er jedoch, den Zusammenhang zwischen seinem körperlichen Leid und seiner verdrängten seelischen Not zu erahnen. Dieses kann er zwar noch nicht spüren, aber er kommt erstmals mit dem Konzept der Körperpsychotherapie in Berührung. Nach dem Suizid seiner Mutter stürzt er in eine tiefe Krise, die dazu führt, dass er zum ersten Mal an einem Workshop bei Jens Tasche teilnimmt.

Anrührend und bewegend schildert Surfen auf Seelenwellen, wie der Protagonist in einem oft langsamen und schmerzhaften Prozess immer tiefer in seine abgespaltene emotionale Lebensgeschichte vordringt. Die Affekte, mit denen er konfrontiert wird und die es zu integrieren gilt, werden mit der Zeit immer bedrohlicher und archaischer. Besonders lesenswert sind hierzu Benedikts Träume und Visionen, die im letzten Teil des Buches beschrieben und aus jungianisch-psychoanalytischer Perspektive vom Introjekt Jens kommentiert werden. Durch die Auseinandersetzung mit den schattenhaften Aspekten seines Selbst wandelt sich Benedikts Beziehung zu seiner Mutter und zum Leben allmählich zum Positiven. Er lernt, sich und seine Gefühle immer mehr auszuhalten und zu bejahen. Letzten Endes kann er seiner Mutter sogar verzeihen, da er versteht, dass diese im Rahmen ihrer Begrenzungen trotz allem ihr Bestes für ihn gegeben hat.

Fazit: Surfen auf Seelenwellen zeugt davon, dass tiefe Transformationsprozesse keine 30-Tage-Wunder sind, sondern dass psychische Reifung vielmehr ein zeitintensiver, lebenslang anhaltender Prozess ist. Benedikt Bech greift auf dem Weg zu seiner Heilung auch auf fernöstliche Formen der Meditation zurück, wobei hier insbesondere die Vipassana-Technik hervorzuheben ist. Instinktiv scheint er zu spüren, dass die Bioenergetik allein ihn nicht tief genug führen würde. So schreibt Jens Tasche, dass »Benedikts körperliche Blockierungen so tief gingen, dass sie mit den in der Bioenergetischen Analyse zur Verfügung stehenden Instrumenten allein nicht erfolgreich beeinflussbar gewesen wären« (Bech, 2018, S. 11). Surfen auf Seelenwellen ist somit nicht nur ein sehr intimer und ehrlicher Einblick in die Psyche eines Menschen, der sich aufgrund schwerer frühkindlicher Traumata für den Großteil seines bisherigen Lebens völlig entfremdet war und sein eigenes Selbst mühsam (wieder-)erkämpfen musste. Das Buch ist auch ein Plädoyer für einen Blick über den Tellerrand der eigenen therapeutischen Techniken und Konzepte hinweg. Tatsächlich gelingt Benedikt Bech eine originelle Verbindung von Bioenergetischer Analyse, Bindungs- und Objekttheorie, Analytischer Psychologie und fernöstlichen Meditations- und Weisheitslehren. Benedikts Geschichte ist die Geschichte einer Rettung, weil es ihm gelingt, seinem Therapeuten trotz seines tief verwurzelten Misstrauens eine positive emotionale Bedeutung zu geben. Surfen auf Seelenwellen schildert eindrücklich, wie wichtig es für Klienten ist, einen empathischen und aufgeschlossenen Therapeuten zu finden, der bereit ist, sich auf sie einzuschwingen und sich mit ihnen in die Terra incognita ihres Unbewussten zu begeben. Auch wenn dies bedeutet, dass der Therapeut mit den Grenzen seines eigenen Wissens und seiner eigenen Bezugssysteme konfrontiert wird. Was heilt, ist die Erfahrung, von einem signifikanten Anderen ausreichend gut gesehen, akzeptiert und bestätigt zu werden.

 

Literatur

Bech, B. (2018). Surfen auf Seelenwellen – Die Geschichte einer Selbsteroberung. Stuttgart: opus magnum.

Jung, C. G. (1992). Traum und Traumdeutung (4. Aufl.). München: dtv.

Lowen, A. (1990). Bio-Energetik. Therapie der Seele durch Arbeit mit dem Körper (2. Aufl. d. überarb. Neuaufl.). Bern, München, Wien: Scherz.

Tasche, J. (2018). Begleitwort. In B. Bech, Surfen auf Seelenwellen – Die Geschichte einer Selbsteroberung (S. 9-14). Stuttgart: opus magnum.

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