Kleine Gleisheit

Für Jens

Der Zug braust mit gleichbleibend hohem Tempo durch die englischen Midlands. Ich beobachte durch das Fenster die benachbarten Gleise, auf denen uns hin und wieder ein anderer Zug entgegenkommt. Kilometerlang verlaufen sie völlig parallel zu unserer Fahrtrichtung, ihr Abstand zu meinem Auge ist nahezu unverändert. Beim Versenken in diesen Anblick fällt mir auf, dass ich aufgrund unserer hohen Fahrtgeschwindigkeit gar nicht erkennen kann, wo ein Gleisstück aufhört und wo ein neues beginnt. Vielmehr drängt sich der Eindruck auf, als handle es sich um ein einziges, relativ zu mir ruhendes Gleisstück, das sich in derselben Geschwindigkeit wie der Zug mit uns mit bewegt. Auf der Oberfläche dieses ruhenden Gleises sind nur ganz zarte Fluktuationen erkennbar, z.B. aufgrund von Schatten, die am Bahndamm stehende Bäume werfen oder durch leicht verschiedene Farbnuancen der einzelnen Gleisstücke. Ansonsten beständige Ruhe im Gleis. Dann plötzlich ein Erlebnis von Veränderung! Eine Weiche ist aufgetaucht, und plötzlich schiebt sich das Gleis scheinbar in meine Richtung. Ein anderes Mal sausen wir an einem Bahnhof vorbei, bei dem kein Halt für meinen Zug vorgesehen ist. Dabei bewegt sich das zuvor still ruhende Gleis erst von mir weg, verschwindet dann hinter einem Bahnsteig und taucht einige Sekunden später wieder in seiner gewohnten Ruhelage auf. Dann wieder minutenlange Gleisruhe mit leichtem Oberflächenprickeln...

In meinem Geist formt sich eine Analogie zu meinem Körperempfinden. Wenn ich ganz still sitze, erlebe ich auch ihn im Wesentlichen als beständig und zeitlich unveränderlich. Bisweilen juckt es hier und dort, oder eine Empfindung von Kälte taucht auf und vergeht. Manchmal rötet sich die Haut, oder ein kleiner Pickel entsteht und verschwindet nach ein paar Stunden wieder. Kleine Nuancen und Schattierungen, wie das sanfte Rauschen auf der Oberfläche des vermeintlichen ruhenden Gleises. Hebe ich jedoch meinen Arm, so nehme ich diese großräumige Bewegung als deutliche Veränderung des Körpers wahr. Wie das Gleis, das bei der Weiche seine gewohnte Ruhelage verlässt. Danach wieder kilometerweise vermeintlich stille Körperbeständigkeit mit Oberflächenprickeln. Was, wenn mein Erleben des Körpers auf einer ganz ähnlichen Illusion beruht wie das vermeintlich ruhende Gleis? Was, wenn sich der Wandel des Körpers nicht nur auf die Pickel des Lebens und die weit ausholenden Körperbewegungen beschränkt? Was, wenn ich mit meiner Aufmerksamkeit einfach nur zu schnell an meinem Körper vorbeirausche, um zu erkennen, dass es sich in Wirklichkeit um immer verschiedene Körper handelt, die sich zu einem nahtlosen Körpererleben zusammensetzen? Was, wenn ich aus dem rasenden Zug aussteigen und eine Außenperspektive einnehmen könnte, von der aus ich den Gleisstrang meines Körpers in seiner ganzen Länge wahrnehmen kann? Wo beginnen die Gleise meines Körpers? Wo enden sie? Und was ist in der Gleislücke zwischen einem Körper und dem nächsten? Der Zauber des Innenlebens öffnet seine Pforten…

 

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