Was ich von einem Schluckauf lernen kann

Tag 19 eines Meditationsretreats, kurz nach 9 Uhr morgens. Ich sitze alleine in meiner dunklen Zelle und gehe meiner Meditationspraxis nach.

9.10 Uhr: Einmal hicksen, zweimal hicksen, dreimal hicksen – ich nehme einen beginnenden Schluckauf zur Kenntnis. Eine weise Stimme in mir sagt: »Ah, ein Schluckauf. Naja, das wird auch wieder vorbeigehen.«

9:13 Uhr: Immer noch Schluckauf. Die weise Stimme in mir sagt: »Ok, immer noch Schluckauf. Mal sehen, wie lange das noch gehen wird.«

9.17 Uhr: Immer noch Schluckauf. Eine etwas weniger weise Stimme in mir meldet sich zu Wort: »Es gibt doch auch diese Leute, die chronischen Schluckauf haben, oder?« Die weise Stimme in mir sagt: »Ok, immer noch Schluckauf. Aber nichts währt ewig, auch kein Schluckauf.«

9.25 Uhr: Die weniger weise Stimme gerät zunehmend in Sorge: »Was, wenn der Schluckauf heute Abend um 18 Uhr immer noch da ist und ich meinen Mitmeditierenden bei der Gruppenmeditation damit auf die Nerven gehe?« Die weise Stimme sagt lächelnd: »Wie gesagt, nichts im Leben währt ewig, auch kein Schluckauf.«

9.28 Uhr: Die weniger weise Stimme hat Zulauf erhalten – eine andere Stimme in mir findet nun: »Für den Fall, dass der Schluckauf um 18 Uhr noch da ist, sollte ich den Meditationslehrer darum bitten, weiter in meiner Zelle meditieren zu dürfen, um die anderen Meditierenden nicht zu stören.« Die weise Stimme lächelt wissend, enthält sich aber jeglichen Kommentars.

9.31 Uhr: Die andere Stimme beginnt doch tatsächlich, sich im Geiste eine konkrete Ansprache an den Lehrer zurechtzulegen! Und die weise Stimme? Schweigt wissend um die Unbeständigkeit jeden Schluckaufs.

9.37 Uhr: Zu meiner eigenen Überraschung steht die Ansprache an den Lehrer nun fix und fertig im Raum, ganze 8 Stunden und 23 Minuten vor einem möglichen Einsatz – und mit einer Chance von rund 0,000 Prozent, dass sie überhaupt gebraucht wird. Die weise Stimme lächelt wissend ob dieser sinnlosen Vergeudung wertvoller Lebenszeit.

9.41 Uhr: Kein Schluckauf.

9.43 Uhr: Immer noch kein Schluckauf. Was, kein Schluckauf mehr? Genau, kein Schluckauf mehr.

9.46 Uhr: Immer noch kein Schluckauf. Betretenes Schweigen in meinem Innenraum. Dann meldet sich die weise Stimme: »Siehe da, kein Schluckauf währt ewig. Doch jederzeit könnte ein neuer Schluckauf kommen. Alles ist im stetigen Wandel.«

Tja, und was lerne ich nun aus dieser Posse? Nach mittlerweile 41 Jahren auf dieser Welt weiß mein Intellekt haargenau, dass die weise Stimme zu jeder Zeit Recht hatte. Das tut aber (fast) nichts zur Sache, weil es in mir eine Unmenge anderer Stimmen gibt, die da völlig anderer Meinung sind und sich selbst von den besten Argumenten nicht umstimmen lassen! Und genau diesen Stimmen überlasse ich in meinem Alltag kampflos das Feld, weil mein Bewusstsein damit beschäftigt ist, Freundschaften zu pflegen, Steuererklärungen zu verfassen oder mich für den Klimaschutz einzusetzen...

Es hilft nichts: Um diese Stimmen zur Vernunft zu bringen, muss ich mich in eine Tiefenschicht meines Geistes begeben, wo ich die Stimmen gut hören und ihnen dann beweisen kann, dass ihre Einschätzung der Lage nicht der aktuellen Realität entspricht. Jedes betretene Schweigen dieser Stimmen ist ein kleiner Etappensieg auf dem Weg zu einer realistischeren Selbst- und Weltsicht. Ein Hoch auf Vipassana-Meditation, die mich genau zu diesen Tiefenschichten führt!

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